Adel verbindet.

Aktualisiert: März 9


Wenn ich in Stolpe bin, gehe ich im Dorf oft auf Entdeckungstour. Heute ist ein klarer, kalter Tag. Der Himmel leuchtet in einem strahlendenden Blau und die Wintersonne scheint. Mein Weg führt mich vom Schloss, die Dorfstraße entlang, in Richtung Kirche. Mein Ziel ist das Grab einer besonderen Frau, die mit der Geschichte von Stolpe fest verbunden ist. Das Grab von Freda Gräfin von Schwerin. Anders als man von adligen Grabstätten erwarten darf, wirkt das Grab sehr unscheinbar. Es könnte auch das Grab eines Dorfbewohners ohne Adelstitel sein, der hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Auf dem unauffälligen Stein steht: „Hier ruht in Gott – Freda Gräfin von Schwerin – geb. von Kleist 18.5. 1872 bis 14.3. 1957“, mehr nicht. Es liegen Blumen auf dem Grab, die den Zenit ihrer Blüte schon lange hinter sich gelassen haben. Das zeigt, dass man sie nicht ganz vergessen hat. Am Grab stehend versuche ich mir vorzustellen, wie es damals, als die Gräfin noch lebte, hier in Stolpe gewesen sein könnte.


Freda von Kleist kam nach ihrer Hochzeit mit Friedrich Graf von Schwerin im Jahre 1897 von Berlin nach Stolpe. Friedrich Graf von Schwerin war als Offizier und Hofmarschall des Prinzen Friedrich Leopold von Preußen selten in Stolpe und so übernahm Freda mit ihren Angestellten die Bewirtschaftung des Gutes Stolpe.


Nun mag man über den Landadel die unterschiedlichsten Geschichten gehört haben, Freda von Schwerin schrieb ihre eigene Geschichte in Stolpe auf Usedom. Sie soll zu den Angestellten des Gutes Stolpe und den Bewohnern des Dorfes ein sehr herzliches und fürsorgliches Verhältnis gehabt haben. Überliefert ist, dass sie den Angestellten zur Sicherung des familiären Eigenbedarfs Ackerflächen zur Verfügung gestellt haben soll. In Notsituationen war sie immer hilfsbereit und in der Weihnachtszeit beschenkte sie die Kinder des Dorfes. Sie gehörte zum Dorf und übernahm Verantwortung für das Dorf, der sie auch gerecht wurde.


Freda von Schwerin stand in der Zeit des Nationalsozialismus den Nazis ablehnend gegenüber und versteckte diese Haltung auch nicht. Auf Gut Stolpe wurden Kriegsgefangene beherbergt und entgegen den Anordnungen von ihr auch verpflegt. All das waren mutige und charaktervolle Haltungen, die insbesondere in dieser schwierigen Zeit nicht oft anzutreffen waren.


Bei Kriegsende besetzte die Rote Armee das Dorf. Anders als viele andere Gutsbesitzer ergriff sie nicht die Flucht. Sie wollte bei ihren Dorfbewohnern bleiben. Jedoch musste Sie ihr Gut bereits sehr früh verlassen. Unter dem damaligen Motto „Junkerland in Bauernhand“ machte die Bodenreform auch vor Stolpe nicht halt. Die Tatsache, dass sie offene Nazi-Gegnerin war, bewahrte sie nicht vor der endgültigen Enteignung. Sie floh mit Hilfe der Dorfbevölkerung von der Insel. Mit ihrer Gesellschafterin lebte sie unter einfachen Verhältnissen in Deutsch-Evern bei Lüneburg.


Ihr Tod am 14. März 1957 und die damit verbundene Testamentseröffnung sollte jedoch ein weiteres Mal ihre heimatbewusste Haltung unter Beweis stellen. In ihrem Testament hatte sie sich gewünscht, in ihrem Dorf Stolpe die letzte Ruhe zu finden. Dieser Wunsch stellte insbesondere für die SED-Funktionäre ein nicht unerhebliches Problem dar. Für die unter den Ausläufern stalinistischer Einflüsse stehenden SED-Funktionäre war die Rückkehr der verstorbenen Gräfin offensichtlich eine politische Provokation. War doch insbesondere die SED in der damaligen DDR gerade dabei, die verbliebenen Bauern und Neubauern nach dem Vorbild der sowjetischen Kolchosen, in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) zu zwingen, was einer weiteren Enteignung nahezu gleichkam. In dieser politischen Gemengelage sah die SED in der Rückkehr einer von der Dorfbevölkerung in Stolpe verehrten, aber toten Gräfin, eine Gefahr für die eigene Agitation. Gutsbesitzer wurden von der SED in der Öffentlichkeit als rücksichtslose Klassenfeinde und feudale Ausbeuter der Landbevölkerung dargestellt. Ein Bild was die Dorfbewohner von Stolpe anders in Erinnerung hatten.


Die SED-Funktionäre konnten die Überführung des Sarges aus der Bundesrepublik nach Stolpe nicht verhindern. Ein besonderes Ereignis wurde die Trauerfeier für die Gräfin Freda von Schwerin. Mit der gleichen unbeugsamen Aufrichtigkeit und Zuwendung, in der die Gräfin ihren Dorfbewohnern zeitlebens begegnete, nahm die gesamte Dorfbevölkerung von Stolpe nun aufrecht und loyal Abschied von ihrer Gutsherrin. Es war der stille- aber würdevolle Gegenbeweis für all die SED-Agitationen über die „schrecklichen“ Gutsbesitzer.


Wenn mein Blick jetzt vom Grabstein der Gräfin zum Schloss und zu den Häusern des Dorfes gleitet, kann ich kaum glauben, wie viel Geschichte und Geschichten in diesem Ort stecken. Der Ort strahlt wieder. Jedes renovierte Haus und jede umgesetzte Idee ist ein Beweis von Mut und Initiative. Eigenschaften, wie sie auch die Gräfin gehabt haben muss. „Adel verbindet.“ heißt eine Redewendung. In diesem Fall ist die Geschichte von Stolpe in jeder Hinsicht mit dem Adel verbunden.



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